FATA MAROKKANA Dissidenten – Tanger Sessions Release Special – Blue Rhythm / Jazz Thing


Die Dissidenten, Godfathers of World Beat, sind zurück, erfreuen sich bester Gesundheit, sind voller Tatendrang und – hurra! – zaubern gar eine neue CD aus der Tüte, die sowohl alte Sahara als auch eine neue Gangart her­ aufbeschwört. Schon allein das Cover spricht eine deut­ lich metaphorische Sprache. Deutscher und marokkani­ scher Staatswimpel innig vereint, inklusive dem Penta­ gramm als Bannzeichen gegen die Achse des Bösen.

Foto Anja Grabert

Die Mitglieder der einstigen Sandkasten-Boyband, die alle schon zu Zeiten des Krautrock aktiv waren und heutzutage zu Legenden vergangener UmsonstEtDraußen-Festivals mutiert sind, geben sich zwar in Würde gealtert, sind aber keineswegs bequemer und nachlässiger in ihrer Denke geworden. Noch immer kreisen Paul Bowles und seine Beat-Generation-Ge­ danken durch die Hypothalami der Herren Müllrich, Josch und Klein. Noch immer ist das Gedankengebäude der Dissi­ denten ein Bollwerk gegen politisches Dumpfbackentum und mainstreamig Plattgebügeltes. Und noch immer funktionie­ ren alte und bewährte Seilschaften, die schon vor 25 Jahren zwischen Nord und Süd, zwischen Brandenburger Tor und marokkanischem Sultanspalast geknüpft worden sind. Denn im eigenen Land waren und sind die Dissidenten nach wie vor verkannte Propheten und demzufolge hier auch nur selten anzutreffen. Ihre Beatclubs und Überlanddiscos stehen in Südamerika, Spanien, Italien oder Marokko, nur eben nicht zwischen Konstanz und Flensburg.

Schon Mitte der 8Oer-Jahre erwies sich Marokko für die Dissidenten als fruchtbares Terrain. Aus dieser Zeit stammt unter anderem auch die Dissidenten-Jil-Jilala-Connection, die sich dank der tatkräftigen Mithilfe des amerikanischen Schriftstellers Paul Bowles und des erst kürzlich verstorbenen Abdesalam Akaaboune, marokkanischer Mäzen des dissiden- talen Gesamtwerks, als bis in unsere Tage haltbar und stabil erwiesen hat. Die Dissidenten und Jil Jilala, Marokkos Chaabi- Kings und zu Anfang ihrer Karriere wahrhafte Sozial-Revo- luzzer, verbindet immer noch eine gemeinsame politische Überzeugung, die sich im Untertitel des ersten Songs dieser CD manifestiert. .This is the world, stupid, not your country.” Sinngemäß: „Wir leben alle in einer Welt, Blödmann, und nicht jeder für sich in seinem Land.”

Uve Müllrich von den Dissidenten: „Als wir Jil Jalala und ihre Musik Mitte der Achtziger kennen lernten, waren ihre Kassetten nur verschwiegen unter dem Ladentisch erhält­ lich. Sie gehörten zu den Ersten, die intellektuelle, politische Poesie in die populäre Musik Nordafrikas einführten. Jil Jila­ la werden nicht umsonst des öfteren als die Beatles von Nordafrika bezeichnet. Ihre politische Bedeutung ist enorm, sie sind ein wichtiges Sprachrohr von Generationen und zu­ sammen mit ihren Weggefährten Nas el Ghiwane und Lem Chaheb ein Mythos, die Begründer eines neuen Genres. Ihre Texte sind heute Graffiti an den Wänden Nordafrikas. Übri­ gens auch spätere Entwicklungen, etwa die algerische RaT- Musik, wurden von Jil Jilala entscheidend mitgeprägt. Glei­ ches gilt für das zusammen mit Lem Chaheb veröffentlichte Dissidenten-Album .Sahara Elektrik’ von 1983. Khaled ist unser Zeuge!”

So erklären sich dann auch die veränderten Klangland­ schaften, die die „Tanger Sessions” (Exil/Indigo) hervorge­ bracht haben. Gitarren-Breitseiten geben neben den teilweise sufi-artig geschwungenen und verzerr­ ten Gesangslinien den Ton an. Gleich drei prominente Saiten-Schneider wur­ den von den Dissidenten angeheuert, um zusammen mit der Gitarre von Uve Müllrich einen Sound zu generieren, der zwar in seinen Grundzügen eher im me­ tallverarbeitenden Gewerbe der 70er zu verorten ist, letztlich aber metaphorisch die Zerrissenheit der Post-9/11 -Ära wi­ derspiegelt. Long-time-Mitstreiter Ro­man Bunka und Henning „Brett-Gitar­re” Rümenapp von den Guano Apes ge­ben dem rockig-animalischen Erbe des Stones- und Led-Zeppelin-Zeitaltersein neues Gesicht. Uve Müllrich erklärt dazu: „Da ich ja so halb in Tanger ansässig bin, bin ich mit all den Musikern, die ich da kenne, natürlich dauernd im Dialog. Und man spricht natürlich auch über die Dinge, die sich nach dem 11. September so ab­ gespielt haben. Und das Ding wollten wir eben aufgreifen. Wir haben uns vor­ gestellt, wie sich wohl so ein 20-jähriger amerikanischer Soldat fühlen muss, der vor wenigen Monaten noch, ohne sich groß um den Weltenlauf zu kümmern, auf dem Skateboard vor einem Super­ markt im Mittleren Westen herumge­ surft ist, auf den Ohren irgendwas zwi­ schen Beastie Boys und Aerosmith. Un­ser Protagonist trifft Militärwerber und rollt wenig später ängstlich in seinem Panzer durch den Irak. Auch psycholo­ gisch ist er als Soldat gepanzert, zu be­ drohlich scheint die ganze Situation, niemand hat ihn in irgendeiner Weise auf einen solchen Kulturschock vorbe­ reitet. Und jetzt plötzlich werden die Texte seines Soundtracks zu seiner Ver­ wunderung auf Arabisch gesungen. In der Instrumentierung haben wir fast nur europäische Instrumente verwen­ det, denn der arabische Gesang scheint uns für westliche Ohren schon .exotisch’ genug, die Stimmen sind hier praktisch nur Instrumente. Ganz anders für unse­ re zahlreichen arabischen Hörer, die lo­gischerweise mehr den Texten folgen. Dieses Bild haben wir irgendwie ver­ sucht umzusetzen.”

Und so wurde beispielsweise der Song „Gun Factory” zu einem klaren po­ litischen Statement. Denn statt um lapi­ dare Schönwettermusik dreht es sich hier wie auf dem gesamten Album um eine Botschaft. „Wir haben diese CD ja nicht nur für westliche Hörer gemacht”, betont Bassist und Gitarrist Uve Müll­ rich, „sondern sie wird vor allem auch ,da unten’ gehört, vielleicht mehr noch als im Westen. Und da sind die Texte na­ türlich adäquat. Da geht es eben darum, dass man sich fragen muss: Wo kommen denn die ganzen Knarren her, mit denen sich die Leute gegenseitig umbringen? Wer hat da den Profit daran? Wer hat ein Interesse daran, dass sich ein .Clash of Civilizations’ überhaupt abspielt? Da stehen doch ganz klar Industrie-Interes­ sen dahinter. Interessen der Waffen-In- dustrie. Mit anderen Worten: Hier be­ gegnen sich die deutsche und die ma­ rokkanisch-islamische Zivilisation – und daraus haben wir. Jil Jilala und die Dissi­ denten, einen bunten Strauß von Lie­ dern gemacht. Diese Lieder erzählen vom Frieden, vom Frieden zwischen den Rassen und den Religionen. Sie handeln von Humanität. Und dabei kann auch der 11. September kein Hindernis sein. Wenn man sich begegnen will, begegnet man sich. Deshalb haben wir dieses Al­bum gemacht. Um – simpel ausgedrückt zu zeigen, dass die Marokkaner und die Deutschen Brüder und Schwestern sind. Wir haben viel miteinander disku­tiert und gemeinsam unsere Situation als Künstler – sitzend zwischen den Stühlen der Kulturen – betrachtet. Die Botschaft der Künstler droht nach dem 11. September immer leiser zu werden, und wir wollen mit unseren beschei­denen Mitteln als Künstler etwas dage­ gensetzen, etwas zur Evolution beitra­gen und nicht nur eine schöne Sound- Tapete machen für das bunte multikul­turelle Wohnzimmer.”

Was man indes bei den „Tanger Ses­sions” vergebens sucht, sind – wie be­reits vernommen – typisch arabische In­strumente, die Oud einmal ausgenom­men. Und um diesem Fakt noch einen oben drauf zu setzen, haben sich die Dissidenten entschlossen, der archai­schen Drehleier eine Chance zu geben. „Die Drehleier”, so Müllrich, „hat ja die­ sen alten ,Drone-Ton’ drin, ein Phäno­men, das schon seit musikalischen Ur­zeiten existiert. Und dieser Ton. dieses Trance-Element, ist das Verbindungs­ stück. Den haben die da unten eben auch. Aber wir wollten dieses Element nicht unbedingt mit Maghreb-üblichen Instrumenten darstellen und sind so auf die Drehleier gekommen.” Elke Rogge von Hölderlin Express und Till Uhlmann von der Band Ulman sind die Hurdy-Gurdy Spezialisten, die auf fast allen Songs dem so oft belächelten Folklore- Instrument einen hypnotisch-psyche­delischen, ja fast schon synthesizerähn­lichen Klang verleihen.

Mit dabei auch wieder einige Dissidenten-Oldies. „Fata Morgana” in einer neuneinhalbminütigen „Tangier Versi­on” oder „The World Is A Mirror”, das mittlerweile zu einem fast doppelt so langen strammen Elektro-Funk mu­tiert ist. Überhaupt bestätigt die Länge der Songs einmal mehr den Session- Charakter dieser CD.

Über einen Zeitraum von zwei Jah­ren reiften die „Tanger Sessions”. Der grandiose Sultanspalast von Tanger diente als großzügiges Tonstudio, da­ zwischen gab es immer wieder vor Ort Konzerte mit einheimischen Musikern. Eine kurze Zusammenfassung dieser Zeit findet sich am Ende der CD. „Mo-rock’n Roll Part II” ist eine Soundcolla­ge von Alltagsgeräuschen, Kasbah Im­pressionen und Küchen-Jams, ganz oh­ne süßlichen Patschuli-Duft, stattdes­sen mit der strengen Würze arabischer Souks.

Wie sagt Moulay Tahar von Jil Jala­ la: „Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit diesen verrückten Deutschen so ein schönes Album auf die Beine zu stel­len, und jetzt freuen wir uns erst mal darauf, die Musik in den nächsten Mo­naten auf der Bühne zu präsentieren, inshallah!”
Nur leider müssen die Be­wohner von Germanistan dazu wohl ins Ausland reisen.

Text Klaus Halama