Dissidenten im Interview

Ich weiß, daß es eine Internationale der Arschlöcher gibt

- und daß es gleichzeitig möglich ist, in jedem Winkel der Erde auf nette, wohlgesonnene Menschen zu treffen.

Eine deutsche Band, die von Anfang an Globalisierung ganz anders definiert hat, sind die Dissidenten. Øle Schmidt traf vor einem Konzert auf einen gesprächigen Marlon Klein, einen tiefengebräunten Uve Müllrich und einen ehrlichen Friedo Josch , der keine Lust auf ein Interview hatte.

Die Dissidenten surfen im Globale Village (http://www.exil.de), überwintern im nordafrikanischen Tanger und sind als Klein/Müllrich/Josch im deutschen Rolling Stone zuständig für WorldBeat. Denn für sie ist alles möglich außer Marschmusik, Nationalhymnen und Musak

discover
Auf eurer aktuellen CD "Instinctive Traveler" singt Uves Tochter Bajka, wo habt ihr eure neue Sängerin gelassen?

Uve 
Die ist gerade in München und nimmt was eigenes auf.

Marlon
Also Bajka war jetzt bei der letzten Platte dabei. Live haben wir eigentlich eine feste Sängerin, Isabel Calista aus Curacao, die aber im Moment im Urlaub ist. Deshalb spielen wir heute in der Besetzung des letzten Jahres, mit einem indischen und einem marokkanischen Sänger.

 
[top]

discover
Wie war das für dich, Uve, mit deiner eigenen Tochter ins Studio zu gehen und eine Platte aufzunehmen?
 


Uve
Ach ja, (Pause..., Marlon lacht ) Gott, der ganze Prozeß war schon eher schwierig. Bajka ist jetzt 18 und da tauchte auf einmal der Eltern-Kind-Blues auf. Das wird sich in der Zukunft aber bestimmt geben. Wenn wir ‘ne andere Sängerin gehabt hätten, wär’s wahrscheinlich leichter gewesen.
 

Marlon
Mensch, mit Bajka das war klasse. Hauptsächlich hab ich das ja übernommen mit ihr zu arbeiten, da ich das Album produziert habe. Uve als Vater war da nur am Rande dabei. Die Grundidee war, daß mal englisch gesungen wird. Das lag uns auf der Seele. Wir wollten uns nicht wieder auf einen bestimmten Punkt auf der Erde fixieren, sprich wieder Afrika, Nordafrika oder Indien. Nach den ganzen Reisen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben, wollten wir mal ein richtig kosmopolitisches Ding machen.

discover
Das war dann auch Neuland für euch?
 


Uve
Sogar ideologisches Neuland, wenn du so willst. Wir haben es die ganzen Jahre abgelehnt, englisch zu singen, und es wäre vielleicht auch nicht passiert, wenn es jetzt nicht persönlich so nahe gelegen hätte. Bajka ist in Indien geboren und hat die ganzen Trips mitgemacht, und so ist es uns wesentlich leichter gefallen, plötzlich mit ihr ‘ne englische Band zu machen.


 


discover
Wie kommentiert ihr denn spontan die alte Volksweisheit, nach der der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Zumindest nicht, solange er lebt?
 


Marlon
Das ist O.K., stimmt oft. Wenn man aber nicht an einen Ort gebunden ist, ist das nett, man kann hier in Ruhe leben und woanders ist man berühmt.
 

Uve
Man kann das natürlich auch so sagen: Wenn man Minderheiten einsammelt, ist es leichter, wenn man dies weltweit tut. Dann verkaufst du zwar in keinem Land viele Platten, aber dafür an vielen Orten immerhin einige.


 


discover
Es wurmt euch nicht, daß ihr in eurem Mutterland vernachlässigt werdet? Ich will eine ehrliche Antwort!
 


Marlon
Ich denke, wir fühlen uns beide gar nicht mehr als Deutsche, eher als Europäer oder Kosmopoliten.
 

Uve
Gut, die Sprache ist noch ‘ne Heimat, aber die ganze Welt ist derart vernetzt, wir haben Freunde überall, (Yogeswaran kommt dazu und fängt an, sich einzustimmen) und das Internet wächst. Von daher ist deutsch oder Deutschsein auch ziemlich egal, muß ich sagen. Zusätzlich gibt es noch dieses Phänomen in Deutschland, daß sich viele dermaßen masochistisch jede englischsprachige Garagenband reinziehen, Hauptsache der Sound kommt aus England. Wahrscheinlich eine Art verspäteter Reparationszahlungen für den 2. Weltkrieg.


 


discover
Die New York Times schreibt, ihr seid die Paten des Ethno-Beats und dann lese ich die Ankündigung der Dissidenten für dieses Festival als Ethno-Jazz-Funk Band. Ist das Zufall, Schusseligkeit des Veranstalters oder ist das eine bewußte Abkehr von dem nicht näher definierten Begriff "Weltmusik"?
 


Marlon
Nein, nein, das ist einfach Provinz. Dieses Konzert ist sehr kurzfristig zustande gekommen, ich glaube nicht, daß die Veranstalter von uns noch Material bekommen haben. Irgend jemand hat sich da selbst was zusammengebastelt.


 


discover
Aber generell habt ihr Probleme mit dem Begriff Weltmusik, grenzt ihr euch da ab?
 


Marlon
Nee, im Prinzip nicht. Ich benutze ihn auch immer noch, wir mußten nur in den letzten Jahren feststellen, daß dieser Begriff Worldmusic sehr in den Bereich von Folk und Folklore geht, zumindest in Amerika. In Deutschland weniger, hier ist die Schublade akzeptiert, obwohl die an vielen Orten schon Global Village heißt.
 

Uve
Unser Begriff von Worldmusic, wenn man den überhaupt anwenden wollte, ist natürlich der, daß sich Leute aus verschiedenen Ecken treffen und zusammen was Neues machen...


 


discover
...es geht euch dabei um Kommunikation, um Schnittstellen...
 


Uve
Genau, es geht uns nicht darum, eine Folkloretradition zu erweitern. Vielmehr darum, sich im Global Village zu treffen, um zusammen was Neues zu kreieren.

Oft kennzeichnet der Begriff Worldmusic ein Phänomen, in dem Folklore, die ansonsten irgendwo verstauben würde, ein moderner Name gegeben wird. In dem Augenblick macht es diese Bezeichnung natürlich schwierig für die Musiker, die wirklich an einem Crossover interessiert sind.


 


discover
Wie würdet ihr euren Sound denn einordnen? Wollt ihr den kategorisieren, könnt ihr das überhaupt?
 


Uve
Schwierig. Eigentlich sagen wir immer, alles ist möglich außer Marschmusik, Nationalhymnen und Musak.


 


discover
Ihr seid ja in den 70ern zusammen mit Ton-Steine-Scherben an der Gründung von "Schneeball", der ersten Independent-Plattenfirma in Deutschland beteiligt gewesen. Was hat es denn mit diesem Phänomen Indie-Label auf sich? Ist das wirklich, wie ursprünglich gedacht, "Selbstorganisation der Musiker" oder trägt das nicht eher den Charakter von..., ist das nicht eher ein Ideenzuliefern an die Majors?
 


Marlon
Ach nein, für mich ist in erster Linie wichtig, daß die Musik, die ich mache, veröffentlicht wird. Und zwar unabhängig von ihrem Charakter. Und das funktioniert nur, wenn du eine eigene Firma hast. Das ist mir klar, solange ich Musik mache. Ich habe z.B. bei der Teldec erlebt, daß Bands wie z.B. der 1. Futurologische Kongreß (Marlon Klein war der Schlagzeuger dieser Berliner NDW-Legende) gnadenlos fallengelassen worden sind, weil es bei denen mal nicht so gut lief. Da werden über Nacht Existenzen zerstört, obwohl einen Tag vorher noch alles in Ordnung war. Deshalb haben wir unser eigenes Label und können wirklich alles rausbringen.
 

Uve
Was nicht heißt, daß wir ein Angebot von einer anderen Plattenfirma per se ablehnen würden. Wir müßten mit diesem Vertrag aber deshalb keine Abhängigkeiten eingehen. Wir haben ja auch einen Deal mit einem Major gehabt und von diesem Geld unser Label Exil gegründet. Es kann also auch andersrum laufen.


 


discover
So wie es aussieht, wird sich der Verkauf von Tonträgern zunehmend mit dem Medium Internet verzahnen. Was zum Teufel muß ich mir unter "Music on demand" vorstellen?
 


Marlon
Das bedeutet, daß du als Konsument nicht mehr in den Plattenladen rennen mußt. Du kannst die Musik im Internet vorhören und sie dir bei Bedarf bequem runterziehen. Ich, als Künstler, der zu Hause seine Platte macht, habe z.B. den Vorteil, daß ich meine Stücke anderen im Internet bequem vorstellen kann, um zu sehen, ob sie ankommen. Das alles passiert ohne die Umwege Pressung und Vertrieb. Bei Music on demand gibst du die Daten in den Rechner und die Leute können es sich dann runterladen. Das ist der direktere Weg und gleichzeitig, für kleine Labels, wie EXIL ein enormer Vorteil.


 


discover
Wie teuer ist das dann für Music-Maniacs?
 


Marlon
Wir starten im Moment ein Pilotprojekt mit dem Namen "Media City" und sind in Deutschland die ersten, die einen solchen Service anbieten. Noch kostet es dich ca. 3 DM, dir ein Stück runterzuladen. Also in etwa der gleiche Kurs wie im Plattenladen.
 

Uve
Das verbilligt sich natürlich in dem Moment, wo ein effektiver Markt dafür da ist.


 


discover
Geht diese Entwicklung in Richtung Demokratisierung, weil kleine Zellen dezentral arbeiten?
 


Marlon
Das hoffen wir...


 


discover
...oder kauft dann doch irgendwann Bertelsmann das Internet?
 


Marlon
Das werden sie auf jeden Fall versuchen. Die großen Konzerne sind dabei, eigene Netzte aufzubauen und üben gleichzeitig über Werbung Macht aufs Internet aus.


 


discover
Und dann dreht sich alles wieder um?
 


Marlon
Hoffentlich nicht. Also grundsätzlich sehe ich die Entwicklung im Internet positiv. Für mich ist es eine Art Befreiung, spontan und kreativ Musik zu veröffentlichen.
 

Uve
Zumindest der Verkauf wird sich demokratisieren. Alles wird billiger werden und du kannst dir die Daten direkt runterladen.


 


discover
Als Orientierungshilfe für Leute, die euch gerade entdecken, möchte ich zwei, drei Sätze zu allen Alben, die ihr bisher gemacht habt. Ist das möglich?
 


Marlon
Mit "Germanistan" ging alles los, das war meine erste Tour mit indischen Musikern.
 

Uve
Das war unsere Zeit in Indien und fällt in die Trennungsphase von Embryo. Ich find’s nach wie vor eines unserer musikalisch anspruchsvollsten Alben. Mit vielen für Europäer nicht tanzbaren Rhythmen, sehr jazzig, intellektuell, mit wirklich schrägen Beats, die wir später nie wieder gemacht haben, weil sich das sowieso keiner anhört.

"Sahara Elektrik ", kam zwei Jahre später und war der internationale Türöffner für uns. Mit vielen handgespielten Sounds, in der letzten Phase bevor die Elektronik massiven Einzug in die Musikbranche hielt.
 

Marlon
Hat auf jeden Fall die ganze nordafrikanische Musikszene revolutioniert, besonders wichtig für die Rai-Bewegung. Wir haben zum ersten Mal nordafrikanische Musik mit einem richtigen Schlagzeug kombiniert. Das gab’s vorher nicht.
 

Uve
"Life at the Pyramids" haben wir in Madrid aufgenommen. Technologisch gesehen, war das für uns eine Befreiung vom Apparat des dicken, teuren Studios. Afrikanische, nordafrikanische Musik, die vor allem live richtig eingeschlagen hat. Auch in New York auf dem "New Music Seminar", danach haben sich die Firmen um uns gerissen und wir konnten selektieren, wer am meisten zahlen wollte. Die anschließende Tour durch die Staaten wurde dann gecancelt, weil während des Irak-Krieges arabische Klänge in Amerika nicht sonderlich beliebt waren. Arabophobie, oder so ähnlich.
 

Mit dem "Dschungelbuch" ging’s dann wieder zurück nach Indien, in unsere zweite Heimat. Da kommen wir ja eigentlich her.
 

Marlon
(lacht) Ein musikalischer Meilenstein natürlich.
 

Uve
Nach unserer arabischen Phase zurück zu "Germanistan". Dann kam Sven Väth auf uns zu und hat die ganze Kiste remixed in Richtung Techno-Trance. Lange bevor das hier hip wurde.

"Instinctive Traveler": Wir hatten schon seit Jahren vor, mit diesem erweiterten Verständnis von Musik und dem gewonnenen Abstand, nach Europa zurückzukehren. Wir wollten den Blick auf uns selbst und unsere angeborene Kultur richten. Hinzu kam, daß Bajka als Achtzehnjährige ihre Texte und Melodien unterbringen wollte. Es lag mal an, das zu machen. Auch weil wir weg wollten von dieser "platten" Weltmusik-Geschichte. Eine Platte in Indien, eine in Marokko... Wir wollten ins Internet, unter anderem, um zu zeigen, daß man sich überall vernetzen kann.


 


discover
Wo ist denn die Grenze zwischen dem Respekt gegenüber einer Kultur und deren kommerzieller Ausschlachtung? Das ist doch eine musikalische Gratwanderung!
 


Uve
Das mit dem Respekt ist eine eigenartige Sache. So wie es für die Rechten nur die kriminellen, bösen Ausländer gibt, sehen die Linken in der Ferne nur das Gute. Diese Art Respekt hab ich eigentlich nicht mehr. Ich weiß, daß es eine Internationale der Arschlöcher gibt, und daß es gleichzeitig möglich ist, in jedem Winkel der Erde auf nette, wohlgesonnene Menschen zu treffen.


 


discover
Trotzdem: Ist es legitim, traditionelle Volksmusik aus ihrem Kontext zu nehmen, sie zu verändern und damit Geld zu verdienen?
 


Uve
Ja, natürlich, weil das in den Ursprungsländern dieser Musik auch gemacht wird. Was wir mit "Sahara Elektrik" gemacht haben, macht Cheb Khaled mit algerischer Kultur. Ich als Europäer fühle mich nicht als jemand besonderes, wenn ich mich einer anderen, fremden Kultur nähere. So wie ich vor meiner eigenen Kultur keinen ehrfürchtigen Respekt habe, kann ich diesen auch nicht vor einer anderen entwickeln. Im Endeffekt sind das alles Versatzstück, die man auch wieder neu zusammenformen kann.


 


discover
Blicken wir in die Zukunft: Die Dissidenten werden nächstes Jahr volljährig. Was wird sich ändern, habt ihr Pläne?
 


Uve
Ich will noch viele, dufte Platten machen, nette Musiker kennenlernen, und am liebsten im Internet Musik machen. Musik bewegt sich immer mehr im virtuellen Raum. Klar gibt’s hier und da mal Konzerte, trotzdem finden 90% der Musik Verbreitung im Fernsehen, über Musikvideos oder über CD.

Wir wollen unseren Schwerpunkt in den nächsten Jahren auf die virtuelle Welt legen. Wir arbeiten z.B. gerade an einem Projekt, in dem Musiker aus verschiedenen Kulturen, Ländern und unterschiedlichen politischen Umfeldern miteinander Musik machen. Leinwand, Beamen, Zurückbeamen. Da wird dann ein Hindu aus Indien mit einem Moslem aus Pakistan zusammenspielen. Jemand aus Taiwan trifft auf einen Chinesen, ein nordirischer Protestant spielt mit einem nordirischen Katholiken.

Und übrigens hatte der Erfinder des Telefons damals die Vision mittels dieses neuen Mediums Konzerte zu übertragen, und nicht etwa zu telefonieren


 


discover
Ein kurzes Statement zur aktuellen Debatte um die Legalisierung von Canabis?
 


Uve
Legalize it!! Was soll ich anderes sagen!


 


discover
Ganz indiskret gefragt: Was dreht sich bei dir zu Hause auf dem Plattenteller. Was sind deinen momentanen Favoriten?
 


Uve
Omu Sangare, aus Mali höre ich im Moment sehr gerne. Ansonsten möglichst wenig Aktuelles. Lieber schräge Sachen, wie Pygmäengesänge oder mittelalterliche Choräle. Musik, die ansonsten niemand hört...und um Himmels willen kein Radio .


 


Øle Schmidt

[top]