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Wie war das für dich, Uve, mit deiner eigenen Tochter ins Studio
zu gehen und eine Platte aufzunehmen?
Uve
Ach ja, (Pause..., Marlon lacht ) Gott, der ganze Prozeß war
schon eher schwierig. Bajka ist jetzt 18 und da tauchte auf einmal der
Eltern-Kind-Blues auf. Das wird sich in der Zukunft aber bestimmt geben.
Wenn wir ‘ne andere Sängerin gehabt hätten, wär’s wahrscheinlich
leichter gewesen.
Marlon
Mensch, mit Bajka das war klasse. Hauptsächlich hab ich das ja
übernommen mit ihr zu arbeiten, da ich das Album produziert habe.
Uve als Vater war da nur am Rande dabei. Die Grundidee war, daß mal
englisch gesungen wird. Das lag uns auf der Seele. Wir wollten uns nicht
wieder auf einen bestimmten Punkt auf der Erde fixieren, sprich wieder
Afrika, Nordafrika oder Indien. Nach den ganzen Reisen, die wir in den
letzten Jahren gemacht haben, wollten wir mal ein richtig kosmopolitisches
Ding machen.
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Das war dann auch Neuland für euch?
Uve
Sogar ideologisches Neuland, wenn du so willst. Wir haben es die ganzen
Jahre abgelehnt, englisch zu singen, und es wäre vielleicht auch nicht
passiert, wenn es jetzt nicht persönlich so nahe gelegen hätte.
Bajka ist in Indien geboren und hat die ganzen Trips mitgemacht, und so
ist es uns wesentlich leichter gefallen, plötzlich mit ihr ‘ne englische
Band zu machen.
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Wie kommentiert ihr denn spontan die alte Volksweisheit, nach der der
Prophet im eigenen Land nichts gilt. Zumindest nicht, solange er lebt?
Marlon
Das ist O.K., stimmt oft. Wenn man aber nicht an einen Ort gebunden
ist, ist das nett, man kann hier in Ruhe leben und woanders ist man berühmt.
Uve
Man kann das natürlich auch so sagen: Wenn man Minderheiten einsammelt,
ist es leichter, wenn man dies weltweit tut. Dann verkaufst du zwar in
keinem Land viele Platten, aber dafür an vielen Orten immerhin einige.
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Es wurmt euch nicht, daß ihr in eurem Mutterland vernachlässigt
werdet? Ich will eine ehrliche Antwort!
Marlon
Ich denke, wir fühlen uns beide gar nicht mehr als Deutsche, eher
als Europäer oder Kosmopoliten.
Uve
Gut, die Sprache ist noch ‘ne Heimat, aber die ganze Welt ist derart
vernetzt, wir haben Freunde überall, (Yogeswaran kommt dazu und fängt
an, sich einzustimmen) und das Internet wächst. Von daher ist deutsch
oder Deutschsein auch ziemlich egal, muß ich sagen. Zusätzlich
gibt es noch dieses Phänomen in Deutschland, daß sich viele
dermaßen masochistisch jede englischsprachige Garagenband reinziehen,
Hauptsache der Sound kommt aus England. Wahrscheinlich eine Art verspäteter
Reparationszahlungen für den 2. Weltkrieg.
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Die New York Times schreibt, ihr seid die Paten des Ethno-Beats und
dann lese ich die Ankündigung der Dissidenten für dieses Festival
als Ethno-Jazz-Funk Band. Ist das Zufall, Schusseligkeit des Veranstalters
oder ist das eine bewußte Abkehr von dem nicht näher definierten
Begriff "Weltmusik"?
Marlon
Nein, nein, das ist einfach Provinz. Dieses Konzert ist sehr kurzfristig
zustande gekommen, ich glaube nicht, daß die Veranstalter von uns
noch Material bekommen haben. Irgend jemand hat sich da selbst was zusammengebastelt.
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Aber generell habt ihr Probleme mit dem Begriff Weltmusik, grenzt ihr
euch da ab?
Marlon
Nee, im Prinzip nicht. Ich benutze ihn auch immer noch, wir mußten
nur in den letzten Jahren feststellen, daß dieser Begriff Worldmusic
sehr in den Bereich von Folk und Folklore geht, zumindest in Amerika. In
Deutschland weniger, hier ist die Schublade akzeptiert, obwohl die an vielen
Orten schon Global Village heißt.
Uve
Unser Begriff von Worldmusic, wenn man den überhaupt anwenden
wollte, ist natürlich der, daß sich Leute aus verschiedenen
Ecken treffen und zusammen was Neues machen...
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...es geht euch dabei um Kommunikation, um Schnittstellen...
Uve
Genau, es geht uns nicht darum, eine Folkloretradition zu erweitern.
Vielmehr darum, sich im Global Village zu treffen, um zusammen was Neues
zu kreieren.
Oft kennzeichnet der Begriff Worldmusic ein Phänomen, in dem Folklore,
die ansonsten irgendwo verstauben würde, ein moderner Name gegeben
wird. In dem Augenblick macht es diese Bezeichnung natürlich schwierig
für die Musiker, die wirklich an einem Crossover interessiert sind.
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Wie würdet ihr euren Sound denn einordnen? Wollt ihr den kategorisieren,
könnt ihr das überhaupt?
Uve
Schwierig. Eigentlich sagen wir immer, alles ist möglich außer
Marschmusik, Nationalhymnen und Musak.
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Ihr seid ja in den 70ern zusammen mit Ton-Steine-Scherben an der Gründung
von "Schneeball", der ersten Independent-Plattenfirma in Deutschland beteiligt
gewesen. Was hat es denn mit diesem Phänomen Indie-Label auf sich?
Ist das wirklich, wie ursprünglich gedacht, "Selbstorganisation der
Musiker" oder trägt das nicht eher den Charakter von..., ist das nicht
eher ein Ideenzuliefern an die Majors?
Marlon
Ach nein, für mich ist in erster Linie wichtig, daß die
Musik, die ich mache, veröffentlicht wird. Und zwar unabhängig
von ihrem Charakter. Und das funktioniert nur, wenn du eine eigene Firma
hast. Das ist mir klar, solange ich Musik mache. Ich habe z.B. bei der
Teldec erlebt, daß Bands wie z.B. der 1. Futurologische Kongreß
(Marlon Klein war der Schlagzeuger dieser Berliner NDW-Legende) gnadenlos
fallengelassen worden sind, weil es bei denen mal nicht so gut lief. Da
werden über Nacht Existenzen zerstört, obwohl einen Tag vorher
noch alles in Ordnung war. Deshalb haben wir unser eigenes Label und können
wirklich alles rausbringen.
Uve
Was nicht heißt, daß wir ein Angebot von einer anderen
Plattenfirma per se ablehnen würden. Wir müßten mit diesem
Vertrag aber deshalb keine Abhängigkeiten eingehen. Wir haben ja auch
einen Deal mit einem Major gehabt und von diesem Geld unser Label Exil
gegründet. Es kann also auch andersrum laufen.
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So wie es aussieht, wird sich der Verkauf von Tonträgern zunehmend
mit dem Medium Internet verzahnen. Was zum Teufel muß ich mir unter
"Music on demand" vorstellen?
Marlon
Das bedeutet, daß du als Konsument nicht mehr in den Plattenladen
rennen mußt. Du kannst die Musik im Internet vorhören und sie
dir bei Bedarf bequem runterziehen. Ich, als Künstler, der zu Hause
seine Platte macht, habe z.B. den Vorteil, daß ich meine Stücke
anderen im Internet bequem vorstellen kann, um zu sehen, ob sie ankommen.
Das alles passiert ohne die Umwege Pressung und Vertrieb. Bei Music on
demand gibst du die Daten in den Rechner und die Leute können es sich
dann runterladen. Das ist der direktere Weg und gleichzeitig, für
kleine Labels, wie EXIL ein enormer Vorteil.
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Wie teuer ist das dann für Music-Maniacs?
Marlon
Wir starten im Moment ein Pilotprojekt mit dem Namen "Media City" und
sind in Deutschland die ersten, die einen solchen Service anbieten. Noch
kostet es dich ca. 3 DM, dir ein Stück runterzuladen. Also in etwa
der gleiche Kurs wie im Plattenladen.
Uve
Das verbilligt sich natürlich in dem Moment, wo ein effektiver
Markt dafür da ist.
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Geht diese Entwicklung in Richtung Demokratisierung, weil kleine Zellen
dezentral arbeiten?
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...oder kauft dann doch irgendwann Bertelsmann das Internet?
Marlon
Das werden sie auf jeden Fall versuchen. Die großen Konzerne
sind dabei, eigene Netzte aufzubauen und üben gleichzeitig über
Werbung Macht aufs Internet aus.
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Und dann dreht sich alles wieder um?
Marlon
Hoffentlich nicht. Also grundsätzlich sehe ich die Entwicklung
im Internet positiv. Für mich ist es eine Art Befreiung, spontan und
kreativ Musik zu veröffentlichen.
Uve
Zumindest der Verkauf wird sich demokratisieren. Alles wird billiger
werden und du kannst dir die Daten direkt runterladen.
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Als Orientierungshilfe für Leute, die euch gerade entdecken, möchte
ich zwei, drei Sätze zu allen Alben, die ihr bisher gemacht habt.
Ist das möglich?
Marlon
Mit "Germanistan" ging alles los, das war meine erste Tour mit indischen
Musikern.
Uve
Das war unsere Zeit in Indien und fällt in die Trennungsphase
von Embryo. Ich find’s nach wie vor eines unserer musikalisch anspruchsvollsten
Alben. Mit vielen für Europäer nicht tanzbaren Rhythmen, sehr
jazzig, intellektuell, mit wirklich schrägen Beats, die wir später
nie wieder gemacht haben, weil sich das sowieso keiner anhört.
"Sahara Elektrik ", kam zwei Jahre später und war der internationale
Türöffner für uns. Mit vielen handgespielten Sounds, in
der letzten Phase bevor die Elektronik massiven Einzug in die Musikbranche
hielt.
Marlon
Hat auf jeden Fall die ganze nordafrikanische Musikszene revolutioniert,
besonders wichtig für die Rai-Bewegung. Wir haben zum ersten Mal nordafrikanische
Musik mit einem richtigen Schlagzeug kombiniert. Das gab’s vorher nicht.
Uve
"Life at the Pyramids" haben wir in Madrid aufgenommen. Technologisch
gesehen, war das für uns eine Befreiung vom Apparat des dicken, teuren
Studios. Afrikanische, nordafrikanische Musik, die vor allem live richtig
eingeschlagen hat. Auch in New York auf dem "New Music Seminar", danach
haben sich die Firmen um uns gerissen und wir konnten selektieren, wer
am meisten zahlen wollte. Die anschließende Tour durch die Staaten
wurde dann gecancelt, weil während des Irak-Krieges arabische Klänge
in Amerika nicht sonderlich beliebt waren. Arabophobie, oder so ähnlich.
Mit dem "Dschungelbuch" ging’s dann wieder zurück nach Indien,
in unsere zweite Heimat. Da kommen wir ja eigentlich her.
Marlon
(lacht) Ein musikalischer Meilenstein natürlich.
Uve
Nach unserer arabischen Phase zurück zu "Germanistan". Dann kam
Sven Väth auf uns zu und hat die ganze Kiste remixed in Richtung Techno-Trance.
Lange bevor das hier hip wurde.
"Instinctive
Traveler": Wir hatten schon seit Jahren vor, mit diesem erweiterten
Verständnis von Musik und dem gewonnenen Abstand, nach Europa zurückzukehren.
Wir wollten den Blick auf uns selbst und unsere angeborene Kultur richten.
Hinzu kam, daß Bajka als Achtzehnjährige ihre Texte und Melodien
unterbringen wollte. Es lag mal an, das zu machen. Auch weil wir weg wollten
von dieser "platten" Weltmusik-Geschichte. Eine Platte in Indien, eine
in Marokko... Wir wollten ins Internet, unter anderem, um zu zeigen, daß
man sich überall vernetzen kann.
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Wo ist denn die Grenze zwischen dem Respekt gegenüber einer Kultur
und deren kommerzieller Ausschlachtung? Das ist doch eine musikalische
Gratwanderung!
Uve
Das mit dem Respekt ist eine eigenartige Sache. So wie es für
die Rechten nur die kriminellen, bösen Ausländer gibt, sehen
die Linken in der Ferne nur das Gute. Diese Art Respekt hab ich eigentlich
nicht mehr. Ich weiß, daß es eine Internationale der Arschlöcher
gibt, und daß es gleichzeitig möglich ist, in jedem Winkel der
Erde auf nette, wohlgesonnene Menschen zu treffen.
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Trotzdem: Ist es legitim, traditionelle Volksmusik aus ihrem Kontext
zu nehmen, sie zu verändern und damit Geld zu verdienen?
Uve
Ja, natürlich, weil das in den Ursprungsländern dieser Musik
auch gemacht wird. Was wir mit "Sahara Elektrik" gemacht haben, macht Cheb
Khaled mit algerischer Kultur. Ich als Europäer fühle mich nicht
als jemand besonderes, wenn ich mich einer anderen, fremden Kultur nähere.
So wie ich vor meiner eigenen Kultur keinen ehrfürchtigen Respekt
habe, kann ich diesen auch nicht vor einer anderen entwickeln. Im Endeffekt
sind das alles Versatzstück, die man auch wieder neu zusammenformen
kann.
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Blicken wir in die Zukunft: Die Dissidenten werden nächstes Jahr
volljährig. Was wird sich ändern, habt ihr Pläne?
Uve
Ich will noch viele, dufte Platten machen, nette Musiker kennenlernen,
und am liebsten im Internet Musik machen. Musik bewegt sich immer mehr
im virtuellen Raum. Klar gibt’s hier und da mal Konzerte, trotzdem finden
90% der Musik Verbreitung im Fernsehen, über Musikvideos oder über
CD.
Wir wollen unseren Schwerpunkt in den nächsten Jahren auf die virtuelle
Welt legen. Wir arbeiten z.B. gerade an einem Projekt, in dem Musiker aus
verschiedenen Kulturen, Ländern und unterschiedlichen politischen
Umfeldern miteinander Musik machen. Leinwand, Beamen, Zurückbeamen.
Da wird dann ein Hindu aus Indien mit einem Moslem aus Pakistan zusammenspielen.
Jemand aus Taiwan trifft auf einen Chinesen, ein nordirischer Protestant
spielt mit einem nordirischen Katholiken.
Und übrigens hatte der Erfinder des Telefons damals die Vision
mittels dieses neuen Mediums Konzerte zu übertragen, und nicht etwa
zu telefonieren
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Ein kurzes Statement zur aktuellen Debatte um die Legalisierung von
Canabis?
Uve
Legalize it!! Was soll ich anderes sagen!
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Ganz indiskret gefragt: Was dreht sich bei dir zu Hause auf dem Plattenteller.
Was sind deinen momentanen Favoriten?
Uve
Omu Sangare, aus Mali höre ich im Moment sehr gerne. Ansonsten
möglichst wenig Aktuelles. Lieber schräge Sachen, wie Pygmäengesänge
oder mittelalterliche Choräle. Musik, die ansonsten niemand hört...und
um Himmels willen kein Radio .
Øle Schmidt |