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JAHRHUNDERTE TREIBEN FLUSSABWÄRTS by NORBERT KRAMPF
Marschierende Trommeln: Dokumentar-Oper "Das Gedächtnis des Wassers" beim Ulmer Donau-Festival uraufgeführt Vor zwanzig Jahren gründete der Münchner Bassist Uve Müllrich in Indien eine unkonventionelle Rockband, die "Dissidenten". Einige Zeit später gelang ihnen das Kunststück, sogar in den Vereinigten Staaten als Pioniere der "Worldmusic" Anerkennung zu finden. Rastlos reiste das Trio um die Welt, stets neugierig auf fremde Musiker und Kulturen. In Asien oder in Nordafrika wurden aus zufälligen Begegnungen dauerhafte Freundschaften, die wegweisende Album-Produktionen hervorbrachten. Ein ähnlich besessener Reisender ist der Amerikaner Gordon Sherwood, Jahrgang 1929, der sich selbst für den bekanntesten aller unbekannten zeitgenössischen Komponisten hält. Zu Beginn seiner Laufbahn sammelte Sherwood Stipendien und wichtige Auszeichnungen, seine Werke wurden in der New Yorker Carnegie Hall aufgeführt. Trotzdem entschied sich der Individualist gegen den Kulturbetrieb und für ein asketisches Nomadendasein. Wie eine skurrile Romanfigur schlug er sich als Bettler durch die Metropolen der Welt und komponiert bis heute ohne jedes Instrument, ausschließlich auf Fantasie und einen Stift gestützt. Die Wege Sherwoods und der "Dissidenten" kreuzten sich erstmals vor drei Jahren bei Paul Bowles im marokkanischen Tanger. Ein Jahr später begannen sie in Italien mit der Arbeit an dem waghalsigen Werk "Das Gedächtnis des Wassers". Im Mittelpunkt steht die Donau als einstige Hauptachse Europas, womit die "Dissidenten" nach jahrzehntelangen Fernreisen endlich auf den eigenen Kontinent zurückkehren. Müllrichs und Sherwoods Idee war, die Geschichte des Flusses nachzuzeichnen und dort lebende Völker, Religionen und Nationen einzubinden. Folgerichtig engagierten sie in Bratislava den Dirigenten Peter Feranec und stellten Danubian Choir & Orchestra zusammen. "Libretto und Kompositionen greifen besonders die alle Menschen des Donauraums verbindenden Archetypen auf", sagt Uve Müllrich und zieht eine Parallele zum Datenfluss im Internet: "Seit Jahrtausenden sorgt die Donau für ungehinderte Kommunikation, freien Handel und Ideenaustausch über politische Grenzen hinweg." Man muss nicht weit in der Geschichte zurückgehen, um an der Donau auch auf Krieg, Hass und Abgrenzung zu treffen. Selbstverständlich erinnert sich "Das Gedächtnis des Wassers" der Brandreden Hitlers. Sie sind eine Facette unter den eingespielten Tondokumenten, die teilweise aus Archiven stammen, darüber hinaus in den letzten Monaten vor Ort aufgenommen wurden. Subtiler als den Feldherrenwahnsinn dramatisiert Müllrich die wiederkehrende Einwanderung in der Region. Der indische Musiker Manickam Yogeswaran, ständiges Mitglied der "Dissidenten", symbolisiert die Identität der Indo-Europäer. Seine rhythmisch fein ziselierten Melismen und intensiv spirituellen Gesänge auf Sanskrit setzen Glanzlichter auf eine der spannendsten Szenen der Dokumentarischen Oper. Der Chor übernimmt und verbindet Zeilen aus der Nibelungensage mit fiktiv mittelalterlichen Harmonien. Ihm folgt der Marokkaner Noujoum Ouazza, ebenfalls Mitglied der Band, lässt Melodien zu Ehren Allahs anklingen, begleitet von einem orientalisch angehauchten Streicherarrangement, signalisiert so den aus der Türkei einfließenden Islam. Später tauschen die beiden Sänger ihre ureigenen Litaneien und entwerfen eindrucksvoll eine musikalische Utopie der Religionsverständigung. Ohne Kenntnis des Librettos fällt es schwer, sämtliche Chiffren des Chores und mancher Gastauftritte zu entschlüsseln. Leichter machen es die assoziativen, kaum plakativen Kompositionen. Bewusst haben Müllrich und Sherwood darauf verzichtet, traditionelle Stereotypen oder nahe liegende Klassiker direkt zu zitieren. Nur ein Wiener Walzer schwebt für wenige Takte im Original vorbei. "Wir spürten eher den Grundlagen von Folklore bis zu Klassischer Moderne nach und fanden sie beispielsweise in bestimmten ungeraden Metren", erklärt Müllrich. Ein Strawinski-artiger Chor illustriert die fortschreitende Industrialisierung, marschierende Trommeln und fiebrige Dissonanzen drohen martialisch. Besänftigende Passagen beschwören Tragik und Pathos von Breitwand Epen. Schon bei der nächsten Station. Budapest, sollen neue Solisten und Orchestermusiker dazustoßen. So könnte mit jedem Ortswechsel "Das Gedächtnis des Wassers" ein wenig größer und weiser werden. NORBERT KRAMPF, 31.07.2000 |