
Dissidenten: Instinctive Traveler
Dieser Tage schaute Uve Müllrich in der Redaktion vorbei. Der Bassist ein schlanker, freundlicher, braungebrannter Mann von fast fünfzig Jahren weilte in Hamburg, um für die neue CD der Dissidenten zu werben. Das war in unserem Falle einerseits ganz überflüssig, da wir "Instinctive Traveler" schon gehört und für interessant befunden hatten; das war andererseits ein Volltreffer, da er - durch ein, zwei Fragen angestoßen - in zwei, drei Stunden seine Lebensgeschichte erzählte (Kurzfassung) und wir nicht anders konnten, als gebannt zuzuhören und Stichworte nachzuschieben, wenn ihm der Faden abhanden zu kommen drohte.
Aufgewachsen auf Rügen in Neuendorf bei Putbus, dem einst schönsten Dorf der DDR. Rübergemacht in den Westen am 10. August 1961, als noch niemand die Absicht hatte, mitten in Berlin eine Mauer zu errichten.
Später gewohnt in der Kommune 1 mit Fritz Teufel und den anderen. Zwei Jahre lang davon gelebt, mit Bommi Baumann Mao-Bibeln zu verkaufen. Mit Rio Reiser, dem späteren König von Deutschland, Schneeball gegründet, das erste deutsche Independent-Label, aus dem dann EFA hervorging, heute größter Vertrieb nicht mehr gar so alternativer Popmusik.
Hin und wieder mit Ton, Steine, Scherben auf der Bühne gestanden und dann fest bei Embryo gewesen, jener Deutschrockband, die es bis nach Indien brachte, wo sie sich 1981 spaltete in jene, die in die Heimat zurückkehrten, und jene, die in der Fremde blieben und sich fortan Dissidenten nannten.
Mit Friedo Josch, dem Dissidenten der ersten Stunde, und Marlon Klein, der später hinzukam, den Subkontinent rauf- und runtergespielt. Den Klarinettisten Charlie Mariano kennengelernt und ihn mit dem Karnataka College of Percussion bekannt gemacht, woraus - wie jeder Jazzfreund weiß eine Liebe fürs Leben wurde.
Zwischendurch in Bombay indische Cowboyfilme vertont, in denen der Held kurz vor High Noon in den Saloon schlendert, um sich - alle halten den Atem an eine Tasse Tee zu bestellen, weil ein Getränk wie Whisky von der Zensur herausgeschnitten worden wäre.
Dann Jahre zwischen Tanger und Kairo, eine Autopanne in der Wüste, kurz vor der "Garage pas de Probléme", der obskursten Kfz-Werkstätte des Orients, in der die letzten brauchbaren Teile des Wagens gegen unbrauchbare ausgetauscht wurden, während die Dissidenten im Hinterzimmer saßen und mit den Dorfbewohnern vor laufendem Tonband musizierten.
Ausflug mit arabischem Programm nach New York, wo die einen dachten, so singen also die Deutschen, und die anderen (Madonna und David Byrne) sie für einen Plattenvertrag bei Warner entdeckten. Auftritte vor Zehntausenden in Spanien und Italien, wo ihr "Fata Morgana" 1985 zum Superhit wurde. Ein Jahr danach der große Erfolg in Brasilien mit "Sahara Elektrik", von dem sich 1,5 Millionen Exemplare verkauften.
Später das "Jungle Book" , das von Sven Väth und anderen DJs remixed wurde, so daß eine Musik, die in ihren Anfängen die Blumenkinder faszinierte, auf ihre alten Tage selbst die Technokids erreichte.
Nach Deutschland zurückgekehrt im Frühjahr 1989, als noch niemand daran dachte, mitten in Berlin die Mauer einzureißen ...
Den großen Durchbruch in der Heimat hat es für Müllrich, Josch und Klein bis heute nicht gegeben - vielleicht kann es bei Dissidenten nicht anders sein.
Vielleicht ändert sich das aber auch noch.
"Instinctive Traveler" ist nicht mehr und nicht weniger als der nächste Versuch: die Dissidenten mit tanzbaren, multiethnisch durchtränkten Rhythmen und Gesängen.
Am Mikrophon: Bajka, die Tochter Müllrichs, geboren 1979 in Indien, aufgewachsen weltweit.
von Ulrich Stock
(C) DIE ZEIT 11.07.1997 Nr.29
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