
Die Wüste rockt
Drei Deutsche im Morgenland: Die "Dissidenten" erobern arabische Hitparaden.
By Hilka Sinning
In den Mittelmeerländern feiern die Fans die DISSIDENTEN , die bei uns so gut wie unbekannt sind, als Vorreiter der jetzt so populären Ethno-Musik.
Das glaubt ihnen hierzulande kein Mensch: Wenn die »Dissidenten&laqno; ein Konzert in Spanien geben, dann kann es schon mal vorkommen, daß ein paar Scheichs, eskortiert von schwerbewaffneten Leibwächtern, eigens für das Spektakel im Privatjet einfliegen. Und es kann auch vorkommen, daß eine Viertelmillion Zuschauer bei ihrem Auftritt in kollektive Wallung geraten, so wie 1986 bei einem Open-air in Barcelona. Allein rund ums Mittelmeer dürften die Plattenverkäufe der »Dissidenten&laqno; die Millionengrenze überschritten haben - ganz abgesehen von den zahllosen Raubkopien, die im arabischen Sprachraum zirkulieren und per Cassette auf den Basars von Fes und Marrakesch den Besitzer wechseln. Kurz, das Trio ist Deutschlands derzeit populärster Musik-Export. Nur in der Heimat herscht tabula rasa. Kein Wunder. Denn deutsch klingen lediglich die Namen der Bandmitglieder: Friedo Josch, Marlon Klein (beide früher bei der Globetrotter Gruppe Embryo) und Uve Müllrich (früher bei Lokomotive Kreuzberg). Was aber ihr Klangrepertoire angeht, so schöpfen die Dissidenten vor allem aus den Quellen nordafrikanischer Folklore; der Gesang ist arabisch; in Songs mit Titeln wie »Mata Hari&laqno;, »Fata Morgana&laqno; oder »Do the Pharao&laqno; begegnen sich Nord und Süd, kreuzen sich abendländischer High-Tech und der uralte Zauber des Orients eine für teutonische Ohren offenbar schwer verdauliche Mixtur. Dabei liegt das Trio zur Zeit voll im Trend: Unter dem Stichwort Weltmusik erleben die Klänge fremder Kulturen - ob aus Afrika oder Andalusien - in Reinform oder vermischt mit Popmusik seit dem letzten Jahr einen wahren Boom.
Allerdings bewegten sich die Dissidenten schon viel früher als Wanderer zwischen musikalischen Welten. Die Geschichte des Propheten aus dem Kraut-Rock-Land begann in den frühen achtziger Jahren in einem Land wo das Wort des Propheten noch Gültigkeit hat: in Marokko. Als Gäste von Sheik Abdul al-Rashid, der grauen Eminenz des lokalen Showbusiness, trafen die drei Musiker auf die marokkanische Gruppe Lem Chaheb. Nichts lag näher als eine Reihe von germanisch-orientalischen Sessions. Der Scheich besorgte die Mitschnitte. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist die LP »Sahara Elektrik&laqno;: marokkanische Melodien die traditionellen Klänge des Stammes Oud, elektronische Trommeln, ein metallischer Baß, die Rhythmen des Maghreb und eine warme Brise vom Mittelmeer- alles zusammen im Cocktailshaker miteinander verquirlt. Unmöglich zu sagen, wo Europa aufhört und Arabien anfängt - ein schaukelnder Ritt auf dem Kamelrücken durch eine imaginäre Wüste. Für das aktuelle Oeuvre »Life At The Pyramids&laqno;, aufgenommen in Sheik Abduls Tonstudio zu Casablanca, engagierten die Dissidenten die Sänger Hamid Baroudi und El Houssaine Kili. Die lassen sich von funkigen Gitarren maurische Laute in schrägen Viertelton-lntervallen aus der Kehle kitzeln, und darunter läuft ein monotoner, ständig schlagender Elektronik-Puls. Die beiden Araber (und als Gast der Keyboarder Roland Spremberg) werden auch auf der Bühne stehen, wenn die Dissidenten im Frühjahr zu einer Welt-Tournee aufbrechen. Erst stehen ein paar Konzerte auf deutschem Boden auf dem Programm, dann folgt eine Amerika-Tour mit einem Auftritt im sommerlichen Central Park in New York als Höhepunkt der Traum eines jeden Musikers.
Die Erfüllung eines echten Dissidenten-Traums steht noch aus: einmal auf dem Roten Platz in Moskau spielen, dazu ein Orchester mit Musikern aus Mali, Marokko und Kanada, und alle zusammen tanzen den »Pharao&laqno; . . .
Allah wird's schon richten. Wenn nicht Allah, dann Gorbatschow.
Stern Nr.12, 17.3.1988